
Cannabinoide in der Tiermedizin: Geschichte, Forschung und offene Fragen
Vom Ochsen im alten Indien bis zu den CB1-Rezeptoren im Hundehirn: was die veterinärmedizinische Cannabinoid-Medizin ist, woher sie kommt und wo sie heute steht.
Die veterinärmedizinische Cannabinoid-Medizin (spanisch abgekürzt MVC) ist ein junges Fachgebiet, das den Einsatz von Cannabis-Wirkstoffen wie Cannabidiol (CBD) für Gesundheit und Wohlbefinden von Tieren untersucht. Weil die Akzeptanz und die Forschung zu Cannabinoiden beim Menschen wachsen, schauen sich Tierärzt:innen und Wissenschaftler:innen inzwischen an, wie diese Stoffe auch unseren Haustieren helfen könnten.
Meist geht es dabei um medizinisches Cannabisöl, das bei ganz unterschiedlichen Beschwerden eingesetzt wird: von Schmerzen und Entzündungen bis zu Angst und neurologischen Störungen. Wie Menschen haben auch Tiere ein Endocannabinoid-System (ECS), das zahlreiche Körperfunktionen reguliert.

Cannabinoide docken an dieses System an und können so therapeutisch wirken. In der Tiermedizin setzt man vor allem auf CBD-Produkte, weil sie nicht berauschen und sich in Studien bisher als gut verträglich gezeigt haben.
Je weiter die Forschung kommt, desto eher könnte die Cannabinoid-Medizin zu einem wertvollen Werkzeug werden, um die Lebensqualität unserer Tiere zu verbessern, als natürliche Alternative bei verschiedenen Gesundheitsproblemen.
Cannabis in der Tiermedizin: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Die Geschichte der Cannabinoid-Medizin bei Tieren
Die Cannabinoid-Medizin bei Tieren hat eine lange Geschichte. Über Jahrhunderte war Cannabis ein fester Bestandteil der tierärztlichen Arzneimittelkunde, bevor in den 1930er- und 1940er-Jahren die Prohibition durchschlug.
Dr. Ethan Russo, ein bekannter Pharmakologe und Forscher zu medizinischem Cannabis, der selbst aus einer Tierarztfamilie stammt, hat in Seminaren, etwa bei der lateinamerikanischen Vereinigung für veterinärmedizinische Cannabinoid-Medizin (AMVC Latam), auf die historische Bedeutung von Cannabis in der Behandlung von Tieren hingewiesen.
Indien
In Indien setzte man Cannabis gegen Durchfall beim Vieh ein, um bei Kühen den Milchfluss zu steigern und sie zu beruhigen. Ochsen sollte es mehr Energie und Arbeitskraft geben.
Sir William Brooke O'Shaughnessy, der als Vater der Cannabinoid-Medizin im Westen gilt, forschte in Indien zu Cannabis. Bevor er es Menschen verabreichte, gab er es Straßenhunden, um zu zeigen, wie gering die Giftigkeit ist.
China
Im Kaiserreich China wurde Cannabis ähnlich genutzt: bei Verdauungsproblemen von Tieren und gegen Krampfanfälle.
Europa
- Frankreich: Hanfsamenöl diente als Abführmittel bei Rindern und zur Behandlung von Hauterkrankungen bei Hunden.
- Italien: Harz von Cannabis sativa wurde gegen Koliken bei Pferden eingesetzt.
- Schottland: Weil Cannabis beim Menschen als schmerzstillend, krampflösend und schlaffördernd galt, setzte es sich auch in der Tiermedizin durch.
- England: Tierärzte nutzten Cannabis bei Asthma, Krampfanfällen, Husten, Blasenentzündung und Tetanus.
Südafrika
Cannabis wurde bei Darmentzündungen und Husten von Pferden eingesetzt, außerdem bei Epilepsie von Hunden.
USA
- Cornell University: Hier wurde der Einsatz bei Blasenentzündung und Tetanus untersucht, ebenso die Wirkung in der Erregungsphase der Azoturie, einer belastungsbedingten Muskelerkrankung (Rhabdomyolyse) bei Pferden.
- University of Pennsylvania: Eine umfangreiche Studie befasste sich mit den schmerzstillenden, krampflösenden und schlaffördernden Eigenschaften von Cannabis.
- Harvard University: Hier wurde beobachtet, wie Cannabis mit einer höheren Überlebensrate von Tetanus-Patienten zusammenhing.
Gegenwart und Zukunft der Cannabinoid-Medizin bei Tieren
Heute entwickelt sich das Feld mit neuen Studien weiter, die mögliche Vorteile von Cannabinoiden bei verschiedenen Erkrankungen von Tieren zeigen. Im Mittelpunkt stehen Wirkstoffe wie CBD, das nicht berauscht und laut ersten Studien bei Tieren gut verträglich ist.
In Zukunft dürfte das Fachgebiet deutlich wachsen, je mehr geforscht wird und je mehr Produkte speziell für Tiere entwickelt werden. Die Nachfrage nach natürlichen Behandlungen steigt, und damit entstehen neue Möglichkeiten für die veterinärmedizinische Cannabinoid-Medizin.
Mit Fortschritten in Forschung und Produktentwicklung hat sie das Potenzial, die Tiermedizin spürbar zu verändern und natürliche Alternativen für mehr Lebensqualität unserer Haustiere zu bieten.
Wie sich die Cannabinoid-Medizin bei Tieren entwickelt hat
Hintergrund und Anfänge der Forschung
Seit den 1960er-Jahren hat die Tiermedizin dank der wieder aufgenommenen Forschung und des klinischen Einsatzes von Cannabis einen deutlichen Wandel erlebt. Vor der Prohibition war Cannabis in tierärztlichen Praxen ein weit verbreitetes Therapeutikum.
Die ersten ernsthaften Studien zu Cannabis in der Tiermedizin drehten sich allerdings vor allem um Vergiftungen bei verschiedenen Tieren.
Parallel dazu leisteten Dr. Raphael Mechoulam und sein Team Pionierarbeit bei der Beschreibung, wie das Endocannabinoid-System (ECS) funktioniert, ein Meilenstein, der Ende des 20. Jahrhunderts erreicht wurde.
Mit diesem tieferen Verständnis des ECS begannen Forschende zu untersuchen, wie Cannabis auf Organismen wirkt und wie Organismen Cannabis verarbeiten. Damit öffneten sich neue Türen für die Tiermedizin.
Aktuelle Forschung und neue Erkenntnisse
In den letzten zehn Jahren hat sich die veterinärmedizinische Cannabinoid-Medizin stark entwickelt. Inzwischen gibt es deutlich mehr Daten, die aus Sicht vieler Fachleute für einen geregelten Einsatz von Cannabis bei tierischen Patienten sprechen.
So hat etwa eine Studie von Matthew E. Miller aus dem Jahr 2018 die Unterschiede zwischen dem ECS von Menschen und Hunden beleuchtet, dem häufigsten Modell in der tierärztlichen Klinik.
Miller fand heraus, dass die Cannabinoid-Rezeptoren bei Hunden ähnlich verteilt sind wie beim Menschen, Hunde aber mehr Typ-1-Rezeptoren (CB1) bilden.
Dass Hunde so empfindlich auf Cannabis reagieren, liegt unter anderem an den vielen CB1-Rezeptoren in ihrem zentralen Nervensystem und daran, wie ihr Körper THC verstoffwechselt.
Cannabis bei Hund und Katze: Hürden und Chancen
Trotz aller Fortschritte gibt es große Hürden bei Entwicklung und Regulierung. In vielen Ländern fehlen klare Regeln, was den sicheren Zugang zu Tierarzneimitteln auf Cannabisbasis erschwert. Dazu kommt, dass Cannabinoid-Medizin im Tiermedizinstudium kaum vorkommt, wodurch die Wissenslücke in der Branche größer wird.
Trotzdem bietet das Feld spannende Chancen. Die wachsende Nachfrage nach natürlichen Behandlungen treibt Investitionen und Forschung zu Cannabisprodukten für Tiere voran.
Außerdem bieten Organisationen wie die Canadian Association of Veterinary Cannabinoid Medicine (CAVCM) und EndoVet spezialisierte Fortbildungen an, etwa den ersten zertifizierten Kurs in veterinärmedizinischer Cannabinoid-Medizin an der Universidad Nacional de Colombia.

Fazit: Wo die Cannabinoid-Medizin für Tiere steht
Die veterinärmedizinische Cannabinoid-Medizin ist ein spannender Schritt nach vorn für die Tiergesundheit. Während wir die therapeutischen Möglichkeiten von Cannabis bei Tieren weiter erforschen, müssen die Hürden bei Regulierung und Ausbildung angegangen werden, damit Tiere sicher und wirksam behandelt werden können.
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