Drogen im Alter: Was Cannabis und Medikamente bei Senioren anrichten können
NOTIZEN

Drogen im Alter: Was Cannabis und Medikamente bei Senioren anrichten können

Langsamerer Stoffwechsel, viele Tabletten, mehr Sturzgefahr: Warum Cannabis und andere Drogen ältere Menschen anders treffen als junge.

VON CosechaLibre Redaktion5 MIN LESEZEIT

Drogen, Cannabis eingeschlossen, können ältere Menschen stärker treffen als junge: Der Stoffwechsel ist langsamer, die Wirkung hält länger an, Wechselwirkungen mit den vielen Medikamenten im Alter sind wahrscheinlicher und schlechtere Koordination erhöht die Sturzgefahr. Der Konsum illegaler Drogen geht zwar nach den ersten Erwachsenenjahren meist zurück, trotzdem leben in den USA fast eine Million Menschen ab 65 mit einer Substanzgebrauchsstörung.

Studien zeigen, dass manche ältere Menschen Cannabis gegen Schmerzen, für besseren Schlaf oder gegen Angstzustände nutzen. Drogenkonsum im Alter kann aber mit anderen Medikamenten kollidieren und sich auch anders anfühlen als bei Jüngeren.

Älterer Mensch mit Medikamenten

Drogenkonsum im Alter: Was sagen die Studien?

Weil es so viele verschiedene Cannabis- und CBD-Produkte (Cannabidiol) gibt, warnen Fachleute, dass die Risiken für Ältere höher sein können als für Jüngere: Die Produkte können mit Medikamenten wechselwirken, auch wenn die Leute selbst das Gefühl haben, dass ihnen der Konsum guttut.

Laut einer 2020 im Journal of the American Geriatrics Society veröffentlichten Studie mit knapp 600 Menschen über 65 hatten 15 % in den vergangenen drei Jahren Cannabis konsumiert. 80 % davon gaben medizinische Gründe an, vor allem Schmerzlinderung, besseren Schlaf und weniger Angst. Die meisten sagten, ihre Familie wisse davon, aber nur 40 % hatten mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin darüber gesprochen.

Bekannt ist auch, dass ältere Menschen anfälliger für Stimmungsschwankungen, Lungen- oder Herzerkrankungen und Gedächtnisprobleme sind. Cannabis kann solche Beschwerden verschlimmern und die negativen gesundheitlichen Folgen des Konsums verstärken. Dazu kommt: Manche Drogen beeinträchtigen Koordination, Urteilsvermögen und Reaktionszeit, was zu Stürzen oder Autounfällen führen kann.

Cannabis und Senioren: Wie wirkt es mit Medikamenten zusammen?

Mit dem Alter häufen sich chronische Erkrankungen, und ältere Menschen, die mehr Medikamente nehmen als jede andere Altersgruppe, kommen dadurch auch häufiger mit Arzneimitteln in Kontakt, die abhängig machen können.

Eine Studie mit 3.000 Erwachsenen zwischen 57 und 85 Jahren hat gezeigt, wie verbreitet der Mix aus verschreibungspflichtigen Medikamenten, rezeptfreien Mitteln und Nahrungsergänzungsmitteln ist. 80 % nahmen täglich mindestens ein verschreibungspflichtiges Medikament, fast die Hälfte mehr als fünf Medikamente oder Ergänzungsmittel. Damit war fast jede 25. Person in dieser Altersgruppe dem Risiko einer schweren Wechselwirkung ausgesetzt.

Weitere Risiken im Alter sind der versehentlich falsche Gebrauch verschriebener Medikamente und eine mögliche Verschlechterung bestehender psychischer Erkrankungen. Eine Studie von 2019 mit Patient:innen über 50 kam zum Beispiel zu dem Ergebnis, dass mehr als 25 % derjenigen, die verschriebene Benzodiazepine oder Opioide missbräuchlich nahmen, Suizidgedanken entwickelten, gegenüber 2 % bei denen, die sie nicht nahmen. Die Lehre daraus: Solche Medikamente sollten immer erst nach sorgfältiger Prüfung verschrieben werden.

Ältere Hände mit einer Tablettenbox

So gesehen sagt es einiges über die Lücken in der Schulmedizin und beim Zugang zu wirksamer Behandlung aus, wenn Ältere zu Cannabis greifen. Warum? Weil Omas und Opas, die kiffen, offensichtlich nach einer Alternative für Beschwerden suchen, deren Behandlung oft schwer zugänglich ist.

Wie wirkt Cannabis bei Senioren?

Laut den US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) wirkt das THC im Cannabis im Gehirn (also im zentralen Nervensystem) und bringt Nervenzellen dazu, Dopamin auszuschütten. Dopamin ist einer der Botenstoffe mit dem größten Einfluss auf Stimmung und Denken und gilt als der Stoff hinter dem Wohlgefühl. Deshalb kann Cannabis Effekte auslösen, die als angenehm empfunden werden, etwa:

  • ein Gefühl von Wohlbefinden oder tiefer Entspannung
  • mehr Appetit (Stichwort Fressflash)
  • intensiveres Sehen, Hören und Schmecken

Wie lange wirkt Cannabis bei älteren Menschen?

Wie schnell Cannabis wirkt, hängt von der Konsumform ab. Wenn du den Rauch inhalierst, etwa aus einem Joint oder einer Pfeife, spürst du die Wirkung nach Sekunden bis wenigen Minuten. Isst du es dagegen, zum Beispiel in Keksen oder Brownies, setzt sie meist erst nach 30 bis 60 Minuten ein.

Bei älteren Menschen kann die Wirkung aber länger anhalten, weil der Stoffwechsel mit dem Alter langsamer wird. Das gilt besonders für Edibles, die erst verdaut werden müssen. Selbst beim Rauchen kann es laut Studien acht Stunden oder länger dauern, bis die THC-Wirkung abklingt, bei sehr alten Menschen noch länger. Ein langsamer Stoffwechsel kann dabei mehr ausmachen als das Produkt selbst.

Drogenkonsum im Alter: Was können Angehörige tun?

Wenn in deinem Umfeld ältere Menschen kiffen, solltest du wissen: Bei Cannabis kann sich eine gewisse Abhängigkeit entwickeln, und auch CBD-Produkte können mit Medikamenten wechselwirken. Angehörige spielen deshalb eine wichtige Rolle: Sie können dazu ermutigen, mit dem Arzt oder der Ärztin zu sprechen, um sicherzugehen, dass sich das Ganze mit den übrigen Medikamenten verträgt.

Viele erwachsene Kinder kaufen Produkte für ihre Eltern, ohne zu wissen, dass Dosis und Produktart sehr unterschiedlich wirken können. Deshalb gilt für Ältere, die Cannabis aus medizinischen Gründen ausprobieren wollen: Behandle es wie jedes andere Medikament, das Nebenwirkungen haben oder mit anderen Mitteln wechselwirken kann.

Suchtbehandlung im Alter: Was hilft?

Welche Behandlungsmodelle am besten funktionieren, ist nicht sicher geklärt, aber Studien zeigen, dass ältere Menschen von längeren Behandlungen mehr profitieren.

Als sinnvoll gelten die Diagnose und Behandlung weiterer chronischer Erkrankungen, der Wiederaufbau sozialer Netzwerke, ein besserer Zugang zu medizinischer Versorgung, ein besseres Fallmanagement und Schulungen für Fachkräfte zu evidenzbasierten Strategien, die zu dieser Altersgruppe passen. Außerdem halten Fachleute mehr Forschung für nötig, um gezielte Screening-Methoden und integrierte Versorgungsmodelle für Menschen mit gleichzeitigen körperlichen und psychischen Erkrankungen zu entwickeln. Wichtig: Gerade Ältere sprechen oft gut auf eine Behandlung an, wenn sie sie erst einmal begonnen haben.

Wie verbreitet Störungen durch Drogenkonsum bei Älteren genau sind, weiß man trotzdem nicht. Es kann sogar passieren, dass Ärzt:innen, die vom Cannabiskonsum nichts wissen, die Symptome mit anderen chronischen Erkrankungen oder normalen Alterserscheinungen verwechseln oder sie für eine Reaktion auf belastende Veränderungen im Leben halten.