Ist Cannabis leistungssteigernd? Was Studien zu Gras und Sport sagen
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Ist Cannabis leistungssteigernd? Was Studien zu Gras und Sport sagen

Vom Fall Sha'Carri Richardson bis zur Studienlage: warum Gras dich im Sport eher bremst als pusht.

VON CosechaLibre Redaktion5 MIN LESEZEIT

Nein, nach aktuellem Forschungsstand ist Cannabis nicht leistungssteigernd: Eine Übersichtsarbeit von 2021 kommt zu dem Schluss, dass Gras vor dem Training die Ausdauer senkt, Puls und Atemfrequenz hochtreibt und das Gleichgewicht verschlechtert. Trotzdem wird das Thema seit Jahren heiß diskutiert. Manche Athlet:innen sagen, Cannabis helfe ihnen bei Regeneration und Konzentration, andere warnen vor schlechterer Koordination und weniger Leistung von Herz und Kreislauf.

Wer sich anschaut, wie Cannabis und Sport zusammenpassen, landet bei wissenschaftlichen Studien, persönlichen Erfahrungen von Sportler:innen und den Regeln, die im Leistungssport für Gras gelten.

Läuferin auf der Bahn, Symbolbild für Cannabis und Sport

Der Fall Sha'Carri Richardson: ein Stück Geschichte zu Cannabis und Sport

Wie umstritten Gras im Sport ist, zeigt der Fall der US-Sprinterin Sha'Carri Richardson. Nach ihrem starken Sieg über 100 Meter bei den US-Olympia-Trials in Eugene am 19. Juni 2021 platzte ihr Traum von Olympia in Tokio: Es kam heraus, dass sie am Tag ihres Triumphs positiv getestet worden war.

Gefunden wurde THC-COOH (Carboxy-THC), ein Abbauprodukt im Urin von Delta-9-Tetrahydrocannabinol, dem wichtigsten Wirkstoff in Cannabis. Die Folge: eine Sperre von einem Monat, und die Olympischen Spiele waren für sie gelaufen.

Die Sperre sorgte für Diskussionen, denn Richardson hatte außerhalb des Wettkampfs gekifft, nicht um schneller zu laufen. Sie selbst erklärte es mit dem Tod ihrer Mutter. Die US-Anti-Doping-Agentur (USADA) gab an, die Sperre sei verkürzt worden, weil die Athletin ein Aufklärungsprogramm absolviert hatte.

Was folgte auf den Fall Richardson?

Der Fall hat die Debatte neu entfacht, ob Cannabis auf die Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) gehört. Dafür muss eine Substanz mindestens zwei von drei Kriterien erfüllen: Sie steigert die Leistung, sie gefährdet die Gesundheit, oder sie verstößt gegen den Geist des Sports.

Die WADA sieht Cannabis als leistungssteigernd und als Gesundheitsrisiko. Sie stützt sich auf eine Studie von 2011 in der Fachzeitschrift Sports Medicine. Demnach kann Cannabis Euphorie auslösen, das Selbstvertrauen stärken, entspannen und Stress abbauen, was theoretisch einen Wettbewerbsvorteil bringen könnte.

Gleichzeitig warnt die Arbeit: Wer im Wettkampf Cannabis konsumiert, kann sich und andere gefährden, weil er eher Risiken eingeht, langsamer reagiert und schlechtere Entscheidungen trifft.

Was sagen Ärzt:innen zu Cannabis bei Sportler:innen?

Jordan Tishler, Arzt und Cannabis-Spezialist bei Inhale MD in Boston, Massachusetts, hält die Haltung der WADA für „nicht haltbar und veraltet“. Für ihn ist Cannabis eher eine Droge, die die Leistung verschlechtert.

Seine Begründung: Spitzenwerte wie Maximalkraft, Höchstgeschwindigkeit oder die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) erreicht man unter Cannabis kaum.

Tatsächlich kann Cannabis die Bewegungsabläufe stören, das Denken und Problemlösen erschweren, auf die Atmung gehen und den Puls erhöhen. Nichts davon hilft dir, Bestleistung abzurufen.

Cannabisblüte nach 48 Tagen Blütephase

Allerdings, so Tishler, spielt die Wirkung für die Leistung nur dann eine Rolle, wenn man gerade high ist. Inhaliert hält die Wirkung drei bis vier Stunden an, oral eingenommen acht bis zwölf Stunden.

Eine zweite Expertenmeinung zu kiffenden Sportler:innen

Ryan Vandrey, Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Johns Hopkins School of Medicine und Mitglied von Realm of Caring, einer gemeinnützigen Organisation für Cannabis-Forschung, -Aufklärung und -Förderung, ergänzt: Auch die individuelle Toleranz spielt eine große Rolle.

Wer abends zum Einschlafen kifft, kann am nächsten Morgen noch kognitiv eingeschränkt sein. Außerdem betont Vandrey, dass es kaum Daten dazu gibt, wie sich Cannabis wirklich auf die sportliche Leistung auswirkt.

Es gibt zwar Behauptungen über mögliche Vorteile, aber ohne gründliche Forschung lassen sich keine belastbaren Schlüsse ziehen. Ohne klare Daten ist jede Meinung dazu letztlich Spekulation.

Was die Wissenschaft sagt: Was passiert, wenn du kiffst und dann ins Gym gehst?

Eine Übersichtsarbeit, die im April 2021 im Journal of Sports Medicine and Physical Fitness erschienen ist, hat sich angeschaut, wie sich Cannabis auf die sportliche Leistung auswirkt, und dabei mit einigen Mythen aufgeräumt.

Anders als oft behauptet, steigert Cannabis die Leistung nicht. Die Forschenden kamen zu dem Schluss, dass man vor dem Training besser darauf verzichtet, wenn man das Beste aus sich herausholen will.

Ihre Auswertung zeigte: Cannabis verringert die Fähigkeit, eine Belastung durchzuhalten, erhöht Herz- und Atemfrequenz sowie den Sauerstoffbedarf des Herzmuskels und verstärkt Gleichgewichtsprobleme. Kurz gesagt: Es bringt keinen Vorteil, sondern macht eine schwächere Leistung wahrscheinlicher.

Was heißt das für Hobbyläufer:innen?

Laut Jordan Tishler wirkt sich Cannabis kaum auf die Leistung aus, wenn du gerade nicht unter seinem Einfluss stehst. Genau da liegt aber das Problem bei Athlet:innen wie Sha'Carri Richardson: Cannabinoide sind nicht komplett verboten, nach den damals geltenden WADA-Regeln aber ab Mitternacht vor einem Wettkampf bis zu dessen Ende.

Trotzdem lassen sie sich bis zu 21 Tage nach dem Konsum im Urin nachweisen, und das führt zur Sperre, auch wenn die Wirkung längst vorbei ist.

Wenn du hobbymäßig läufst und ab und zu in Gesellschaft kiffst, solltest du Häufigkeit, Dosis und deine persönliche Reaktion im Blick haben. Ryan Vandrey betont, dass Konsummuster und Konsumform (Rauchen, Vapen, Essen) entscheidend dafür sind, wie hoch das gesundheitliche Risiko ist.

Unterm Strich: Wer vor einem wichtigen Wettkampf Cannabis nimmt, sollte keine Bestleistung erwarten. Auch wenn noch vieles unklar ist, deutet die aktuelle Forschung darauf hin, dass Cannabis beim Sport dein Leistungspotenzial eher bremst.