Cannabis und Verdauung: Was das Endocannabinoid-System im Darm macht
GESUNDHEIT

Cannabis und Verdauung: Was das Endocannabinoid-System im Darm macht

Von Reflux über Magenschleimhaut bis Darmbewegung: wo THC und CBD im Verdauungstrakt andocken und was die Forschung dazu zeigt.

VON CosechaLibre Redaktion6 MIN LESEZEIT

Cannabis wirkt über das Endocannabinoid-System auf deine Verdauung, ein Netz aus Rezeptoren, das von der Speiseröhre bis zum Dickdarm reicht. THC und CBD können Appetit, Darmbewegung, Magensäure und Schmerzempfinden beeinflussen. Deshalb tut Gras der Verdauung mancher Leute gut, während es anderen Probleme macht.

Cannabinoide wie Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) docken an die Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems an, die im ganzen Körper sitzen, auch im Verdauungstrakt. So können sie unter anderem Appetit, Darmmotilität (die Muskelbewegungen, die den Speisebrei weiterschieben), Magensaftsekretion und Schmerzwahrnehmung beeinflussen.

Wie das Endocannabinoid-System im Verdauungstrakt entdeckt wurde

Die wichtigste Aufgabe des Magen-Darm-Trakts ist die Verdauung. In einer genau abgestimmten Abfolge von Schritten wird aus dem, was du isst, die Energie, die dein Körper für alle Lebensfunktionen braucht. Das gehört zu den Grundlagen der tierischen Biologie, und das Endocannabinoid-System (ECS) ist an der Steuerung dieses Prozesses maßgeblich beteiligt.

Die ersten Funde des ECS im Magen-Darm-Trakt

Der erste Nachweis des ECS im Verdauungstrakt von Säugetieren stammt aus dem Jahr 1995. Damals isolierte ein israelisches Forschungsteam um Raphael Mechoulam, der auch als Erster THC identifiziert hatte, das Endocannabinoid 2-Arachidonoylglycerol (2-AG) aus dem Darm eines Hundes.

Später wurde im Mäusedarm ein weiteres Endocannabinoid gefunden, das Anandamid. In den Jahren danach wies man Bestandteile des ECS in jedem Abschnitt des Säugetier-Verdauungstrakts nach.

Wo im Darm sitzen die Cannabinoid-Rezeptoren?

CB1-Rezeptoren sind praktisch überall zu finden, vor allem im Magen und im Dickdarm, dem letzten Abschnitt des Darms. Dort sitzen sie hauptsächlich auf den Epithelzellen, also den Zellen, die die Darmwand auskleiden. Außerdem gibt es CB1-Rezeptoren auf den Nervenzellen, die die Abläufe im Verdauungstrakt steuern, besonders im enterischen Nervensystem, dem eigenen Nervennetz des Darms.

CB2-Rezeptoren kommen ebenfalls im enterischen Nervensystem vor, sitzen aber vor allem auf den Immunzellen im Magen-Darm-Trakt.

Auch die Enzyme, die Cannabinoide herstellen und wieder abbauen, finden sich im gesamten Verdauungstrakt. Dazu kommen Palmitoylethanolamid (PEA), Oleoylethanolamid (OEA) und ähnliche Verbindungen.

Diese Moleküle wirken zwar nicht direkt auf CB1- oder CB2-Rezeptoren, verhalten sich aber ähnlich wie Endocannabinoide und spielen im Verdauungssystem eine wichtige Rolle, vor allem beim Bremsen von Entzündungen.

Das Endocannabinoid-System und das Gleichgewicht im Verdauungstrakt

Cannabis und Sodbrennen: Was THC mit dem Reflux macht

Nach dem Kauen gelangt das Essen über die Speiseröhre und den Schließmuskel am Mageneingang in den Magen. Erschlafft dieser Schließmuskel, ist das eine der Hauptursachen für Reflux, also das Zurückfließen von Magensaft in die Speiseröhre. Rund 20 % der Erwachsenen in westlichen Ländern haben mindestens einmal im Monat damit zu tun.

In einer klinischen Studie von 2009 verringerte die tägliche Gabe von 10 oder 20 Milligramm THC die Erschlaffungen dieses Schließmuskels. Das deutet darauf hin, dass sich Reflux-Beschwerden so lindern lassen könnten. Tierversuche zeigen, dass dieser Effekt vor allem über die Aktivierung der CB1-Rezeptoren läuft.

Schützt Cannabis die Magenschleimhaut?

Im Magen zerkleinert die Salzsäure, die Zellen der Magenwand absondern, das Essen weiter. Produziert der Magen zu viel davon, entsteht Sodbrennen, und in schweren Fällen kann das zu einer Gastritis oder zu Geschwüren führen (Verletzungen der Magenwand).

Noch bevor die Cannabinoid-Rezeptoren bekannt waren, fiel Forschenden auf: Ratten mit Magengeschwüren, die durch entzündungshemmende Medikamente ausgelöst worden waren, bildeten unter THC weniger Magensaft und weniger Geschwüre. Ein Hinweis auf eine magenschützende Wirkung der Cannabinoide, zumindest im Tierversuch.

Und das ECS schützt nicht nur vor Geschwüren durch Medikamente. 2003 fand man heraus, dass die Aktivierung des CB1-Rezeptors die durch Choleratoxin ausgelöste Magensekretion verringern kann.

Cannabis und Magenentleerung

Wird der CB1-Rezeptor im Magen aktiviert, kann sich außerdem die Magenentleerung verzögern. Interessant ist das bei Gastroparese, einer chronischen Erkrankung, bei der der Magen teilweise gelähmt ist.

Bei Gastroparese leert sich der Magen langsamer, was zu Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen führen kann. Eine gezielte Heilung gibt es bisher nicht, aber Medikamente, die der Wirkung der Cannabinoide entgegenwirken, könnten ein vielversprechender Ansatz sein.

Wie Cannabis die Darmbewegung bremst

Vom Magen aus wandert der Speisebrei durch den ganzen Darm, damit die Nährstoffe aufgenommen und die Reste ausgeschieden werden. Das erledigt die Peristaltik: eine Abfolge aus Anspannen und Entspannen der Darmwand, die den Brei vom Zwölffingerdarm bis in den Dickdarm schiebt.

Eine typische Störung ist die Hypermotilität, also ein zu aktiver Darm. Sie kann dazu führen, dass Nahrung schlecht aufgenommen wird, und mit Erkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom (RDS) zusammenhängen. Gesteuert wird die Darmbewegung direkt vom enterischen Nervensystem, einem eigenständig arbeitenden Nervennetz, das ebenfalls vom ECS reguliert wird.

1978 zeigte eine Studie an Meerschweinchen, dass THC die Darmbewegung verringern kann. Dreißig Jahre später wurde nachgewiesen, dass auch Cannabidiol (CBD), ein nicht berauschendes Cannabinoid, eine entzündungsbedingte Hypermotilität des Darms senken kann.

Diese Phytocannabinoide wirken, genau wie die körpereigenen Endocannabinoide und synthetische Cannabinoide, vor allem über die CB1-Rezeptoren im enterischen Nervensystem. Ist CB1 aktiviert, schütten die Darmnerven weniger Acetylcholin (einen Botenstoff) aus. Die Darmmuskulatur zieht sich dann weniger zusammen, und der Darm arbeitet langsamer.

Kein Wunder also, dass das „Handbook of Experimental Pharmacology“, eine der renommiertesten pharmakologischen Fachbuchreihen der Welt, die CB1-Rezeptoren als physiologische „Bremsen“ des Verdauungstrakts bezeichnet.

Die Schattenseiten: Welche Probleme Cannabis im Verdauungstrakt machen kann

Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom (CHS)

Das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom (CHS) verursacht immer wiederkehrende Brechattacken und einen zwanghaften Drang, heiß zu baden oder zu duschen, um Übelkeit und Brechreiz zu lindern. Betroffen sind meist Menschen, die über viele Jahre große Mengen Cannabis konsumiert haben.

Typischerweise suchen Betroffene nach einer Phase intensiven, langjährigen Konsums ärztliche Hilfe wegen akuten Erbrechens und Übelkeit. Fallstudien haben zu dem Schluss geführt, dass Cannabis die Ursache ist.

Das Krankheitsbild ist umstritten und wenig erforscht, aber es gibt mehr als zwei Dutzend Fallberichte, die Cannabis als Hauptursache nennen. Die meisten erklären allerdings nicht, wie es zu dieser paradoxen Nebenwirkung von starkem, langjährigem Konsum kommt.

Mindestens eine Studie vermutet, dass das Syndrom mit der Wirkung von THC auf die Darmbewegung zusammenhängt, die die Magenentleerung verzögern könnte.

Akute Bauchspeicheldrüsenentzündung durch Cannabis?

Neben CHS wird Cannabis auch mit einigen Fällen von akuter Pankreatitis in Verbindung gebracht. Der Zusammenhang ist aber schwach, und in den meisten Fallberichten waren die Betroffenen auch jahrelange starke Tabakraucher.

Es gibt rund 18 Berichte über Menschen mit akuter Pankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse), bei denen man zu dem Schluss kam, dass ihr Zustand letztlich auf starken Cannabiskonsum in der Zeit vor der Behandlung zurückging.

In einem Fall wurde ein Patient mehrere Wochen lang beobachtet. Sein Zustand verschlechterte sich jedes Mal, wenn er Cannabis rauchte, das ihm Freunde heimlich ins Krankenhaus geschmuggelt hatten.

Cannabis scheint bei der Entstehung einer akuten Pankreatitis also zumindest eine Rolle zu spielen. Möglich ist aber auch, dass diese Menschen eine Vorerkrankung hatten, die der Konsum verschlimmert hat, oder dass der Effekt von der Dosis oder anderen Signalstoffen abhängt.

Was die Forschung zu Anandamid und Pankreatitis sagt

Eine neuere Studie zu Anandamid bei Pankreatitis ergab, dass Anandamid den Schweregrad der Entzündung sowohl senken als auch erhöhen kann, je nachdem, ob es vor oder nach Caerulein verabreicht wurde.

Caerulein ist ein Decapeptid, das Darmbewegung und Flüssigkeitssekretion beeinflusst und im Tierversuch eingesetzt wird, um gezielt eine Pankreatitis auszulösen.

Fazit: Was Cannabis mit deinen Verdauungsorganen macht

Cannabis hat einige mögliche Vorteile, kann dem Magen-Darm-Trakt aber auch schaden, vor allem bei Dauerkonsum. Erkrankungen wie das Cannabinoid-Hyperemesis-Syndrom und die akute Pankreatitis werden mit langjährigem, starkem Konsum in Verbindung gebracht.

Wenn du regelmäßig und über lange Zeit kiffst, solltest du diese möglichen Nebenwirkungen kennen und dir ärztlichen Rat holen, sobald du Symptome bemerkst, die dir Sorgen machen.