Kiffen und Muskelaufbau: Bremst Cannabis dein Training?
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Kiffen und Muskelaufbau: Bremst Cannabis dein Training?

Was Forschung und Sportmediziner zu Cannabis, Leistung und Muskeln sagen – und warum ein positiver Test auch Tage später noch droht.

VON CosechaLibre Redaktion5 MIN LESEZEIT

Dass Kiffen den Muskelaufbau direkt bremst, ist nicht belegt – dazu gibt es schlicht kaum Daten. Klar ist dagegen: Wer high trainiert, bringt weniger Leistung, und Studien zeigen, dass Cannabis vor dem Sport Ausdauer, Gleichgewicht und Reaktion verschlechtert. Der Cannabiskonsum im Sport bleibt deshalb umstritten: Manche Athlet:innen schwören auf weniger Schmerzen und weniger Nervosität, Sport- und Gesundheitsverbände warnen vor Risiken und Nebenwirkungen.

Seit Cannabis in immer mehr Ländern legal und gesellschaftlich akzeptiert ist, wird auch im Sport viel heftiger darüber diskutiert.

Cannabis und Sport

Wie wirkt Cannabis auf Leistung und Gesundheit?

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) stuft Cannabis als leistungssteigernde Substanz und als Gesundheitsrisiko ein. Eine Studie von 2011 in der Fachzeitschrift Sports Medicine schreibt, Cannabis wirke euphorisierend, stärke das Selbstvertrauen, entspanne und lindere den Wettkampfstress.

Gleichzeitig warnt der Bericht: Wer im Wettkampf kifft, gefährdet sich und andere, weil er mehr Risiken eingeht, langsamer reagiert und schlechtere Entscheidungen trifft.

Was sagen Expert:innen zur Wirkung auf den Körper?

Für Jordan Tishler, Arzt und Cannabis-Spezialist bei Inhale MD in Boston (USA), ist die Haltung der WADA „nicht haltbar und veraltet“. „Wenn überhaupt, ist Cannabis eine Substanz, die die Leistung verschlechtert. Spitzenleistung – Maximalkraft, Höchstgeschwindigkeit, maximale Sauerstoffaufnahme – bringst du unter Cannabis eher nicht.“

Das passt ins Bild: Zu den Wirkungen von Cannabis gehören veränderte Bewegungsabläufe, langsameres Denken und Problemlösen, Atemprobleme und ein höherer Puls. Nichts davon hilft dir bei Bestleistungen.

Also: Bremst Kiffen den Muskelaufbau?

Der Punkt ist, sagt Tishler: Die Effekte, die deine Leistung beeinflussen könnten, zählen eigentlich nur, solange du high bist. „Inhaliert hält die Wirkung drei bis vier Stunden an, oral eingenommen acht bis zwölf Stunden.“

Wie lange genau, hängt natürlich auch von der Person und ihrer Toleranz ab, erklärt Ryan Vandrey, Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Johns Hopkins School of Medicine und Mitglied von Realm of Caring, einer gemeinnützigen Organisation für Cannabis-Forschung, -Aufklärung und -Interessenvertretung.

„Wenn du abends kiffst, um besser zu schlafen, kann am nächsten Morgen noch eine kognitive Beeinträchtigung nachwirken. Ab wann Cannabis keine Rolle mehr spielt, wissen wir noch nicht“, so Vandrey.

Und er trifft einen wichtigen Punkt: Zum Einfluss von Cannabis auf die sportliche Leistung, ob positiv oder negativ, gibt es kaum Daten. „Die Leute behaupten, es gebe einen Vorteil, und theoretisch kann man auch argumentieren, dass es schwächt. Fakt ist, dass sich niemand die Zeit genommen hat, das gründlich zu erforschen. Ohne Daten bleibt uns nur Raten und Spekulieren.“

Cannabis und Muskelaufbau: Was sagt die Forschung?

Eine Übersichtsarbeit, die im April 2021 im Journal of Sports Medicine and Physical Fitness erschien, kam zu dem Schluss, dass Cannabis entgegen dem verbreiteten Glauben nicht leistungssteigernd wirkt.

Die Forscher:innen raten, vor dem Training auf Cannabis zu verzichten, wenn du deine Leistung ausschöpfen willst: Es senkt die Fähigkeit, eine Belastung durchzuhalten, erhöht Puls, Atemfrequenz und den Sauerstoffbedarf des Herzmuskels und verschlechtert das Gleichgewicht.

Kurz gesagt: Statt einen Vorteil zu verschaffen, macht Cannabis schwächere Leistungen wahrscheinlicher.

Und was heißt das für Hobbyläufer?

Bist du gerade nicht akut high, beeinflusst Cannabis deine Leistung laut Tishler wahrscheinlich überhaupt nicht. Das spielt im Fall der US-Sprinterin Sha’Carri Richardson eine Rolle: Cannabinoide sind im Leistungssport nicht komplett verboten, sondern nur von 23:59 Uhr am Vortag eines Wettkampfs bis zu dessen Ende.

THC kann aber noch einen bis 21 Tage nach dem Konsum im Urin nachweisbar sein – eine Sperre ist also auch möglich, wenn du längst nichts mehr spürst.

Kiffen und Freizeitsport: Darauf solltest du achten

Für Freizeitläufer:innen, die gelegentlich kiffen, kommt es laut Ryan Vandrey darauf an, wie oft, wie viel und wie es bei ihnen wirkt. „Wer selten, aber in hohen Dosen konsumiert, hat ein ganz anderes Risikoprofil als jemand, der ab und zu wenig nimmt.“

„Mehrmals am Tag zu konsumieren kann außerdem das Risiko für eine Abhängigkeit erhöhen.“ Vandrey betont auch, dass Rauchen die Lunge stärker belastet als Verdampfen – und dass Edibles die Lunge weniger belasten als beides.

Cannabisblüte in der Hand

High zum Wettkampf: Was bleibt von der Leistung?

Erwarte keine Bestzeit, wenn du vor einem wichtigen Lauf Cannabis nimmst. Auch wenn vieles noch unklar ist, deutet alles darauf hin, dass du high nicht an dein Maximum kommst. Wer seine sportliche Leistung ausreizen will, lässt Cannabis vor dem Wettkampf also besser weg.

Verlierst du durch Kiffen Muskelmasse?

Kiffen kann das Sprechen, Schlucken und Atmen erschweren. Woran liegt das? Schwächt es die Muskeln? Und warum ist man unter Cannabis oft unkoordinierter?

Forscher:innen der Universität Cádiz (Spanien) haben untersucht, wie Cannabinoide auf unser Nervensystem wirken, und liefern Antworten auf diese Fragen.

Wie wirkt Cannabis auf die Motoneuronen?

Bis vor Kurzem gab es keine Studien dazu, wie Cannabinoide direkt auf die Nervenzellen wirken, die die Muskeln steuern – die sogenannten Motoneuronen. Bekannt war die Wirkung auf die höheren Zentren des Nervensystems, nicht aber auf die Motoneuronen.

Professor Bernardo Moreno und sein Team haben das deshalb an den Muskeln der Zunge untersucht. Die Wahl war kein Zufall: Die Zunge ist ein entscheidender Muskel fürs Atmen, Sprechen und Schlucken von Essen und Speichel – und genau diese Funktionen scheinen bei Cannabiskonsumierenden verändert zu sein.

Therapeutischer Nutzen: Wenn weniger Nervenaktivität hilft

Dass Cannabis die Aktivität der Motoneuronen dämpft, kann auch therapeutisch nützlich sein. Bei Erkrankungen wie Multipler Sklerose, bei denen die Muskeln überaktiv sind, könnte diese Dämpfung die Beschwerden lindern.

Laut Professor Moreno kann bei solchen Krankheitsbildern die geringere Nervenaktivität zu einer Besserung der Symptome führen.