Medikamente durch Cannabis ersetzen? Was Umfragen zu Schmerzmitteln, Schlaftabletten und Co. zeigen
GESUNDHEIT

Medikamente durch Cannabis ersetzen? Was Umfragen zu Schmerzmitteln, Schlaftabletten und Co. zeigen

Schmerzmittel, Schlaf- und Beruhigungstabletten: Was Studien zum Ersatz von Medikamenten durch Cannabis gefunden haben – und warum du nie auf eigene Faust absetzt.

VON CosechaLibre Redaktion4 MIN LESEZEIT

Welche Medikamente ersetzen Menschen durch Cannabis?

In Umfragen gibt ein großer Teil der Cannabis-Patient:innen an, andere Medikamente reduziert oder durch Cannabis ersetzt zu haben – am häufigsten Schmerzmittel wie Ibuprofen und Opioide, außerdem Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie Antidepressiva. Das zeigt, was Menschen tun, nicht, dass Cannabis genauso gut wirkt wie diese Mittel. Und jede Änderung an einer Medikation läuft über deine Ärztin oder deinen Arzt. Je weiter sich medizinisches Cannabis durchsetzt, desto mehr Patient:innen suchen eine aus ihrer Sicht sicherere und natürlichere Alternative zu verschreibungspflichtigen Medikamenten – und nicht nur Rezeptpflichtiges wird ersetzt.

Viele nehmen auch weniger rezeptfreie Mittel, seit sie Cannabis oder Cannabisprodukte nutzen. Patient:innen berichten, dass sie Alltagsmittel wie Ibuprofen oder andere Schmerzmittel gegen leichte Schmerzen, Beschwerden und Entzündungen in manchen Fällen durch die Pflanze ersetzen – sinnvoll ist das nur mit ärztlicher Begleitung. Cannabis enthält Cannabinoide wie Cannabidiol (CBD) und Cannabidiolsäure (CBDA), denen Studien schmerzlindernde und entzündungshemmende Eigenschaften zuschreiben.

Chronische Schmerzen sind einer der häufigsten Gründe, überhaupt zu medizinischem Cannabis zu greifen. In den USA wird seit Jahren gegen die Opioid-Krise gekämpft: Opioide werden vor allem nach schweren Verletzungen und bei starken, chronischen Schmerzen verschrieben. Das Problem: Opioide machen stark abhängig, und manche Forschende halten den Umstieg auf Cannabisprodukte für einen möglichen Weg, diese Epidemie zu bremsen.

Medizinisches Cannabis neben verschreibungspflichtigen Tabletten

Auch jenseits der Schmerzmittel: Manche Patient:innen berichten, dass sie Antidepressiva und angstlösende Mittel, vor allem Beruhigungsmittel, mit Cannabis-Therapien reduziert oder sogar ganz abgesetzt haben. Wer solche Mittel plötzlich weglässt, riskiert Absetzerscheinungen – bei Benzodiazepinen bis hin zu Krampfanfällen. Ein Ausschleichen wird deshalb immer mit der Ärztin oder dem Arzt geplant. Laut Umfragen nutzen Menschen Cannabis außerdem statt Schlaftabletten, Mitteln gegen Übelkeit und Palliativmedikamenten. Bei Epilepsie kommt Cannabis manchmal ergänzend zur Therapie dazu, Antiepileptika werden aber nie ohne Neurologin oder Neurologen reduziert: Sonst können die Anfälle zurückkommen.

Eine Studie unter Leitung von Dr. James Corroon, medizinischer Leiter eines Zentrums für Cannabismedizin in Kalifornien, befragte 2.774 Teilnehmende: 46 % gaben an, ein verschreibungspflichtiges Medikament durch Cannabis ersetzt zu haben.

Eine Studie in der Fachzeitschrift Drug and Alcohol Review kam zu dem Ergebnis, dass Menschen verschreibungspflichtige Medikamente, Alkohol und illegale Drogen zunehmend durch Cannabis ersetzen – ein Zeichen dafür, dass sich der gesellschaftliche Blick auf den medizinischen Nutzen von Cannabis verschiebt.

Das Centre for Addictions Research of British Columbia (Kanada) hat 473 erwachsene Cannabis-Konsument:innen befragt. Über 86 % gaben an, eine oder mehrere Substanzen durch Cannabis ersetzt oder ganz aufgegeben zu haben, die meisten davon Arzneimittel, weil sie Cannabis als ungiftige Alternative sahen. Menschen unter 40 ersetzten Medikamente aus dem Labor laut der Studie häufiger durch Cannabisprodukte. Wichtig zur Einordnung: Befragt wurden Leute, die schon Cannabis nutzen. Solche Umfragen zeigen, was Menschen tun, nicht, wie gut der Wechsel funktioniert.

Die beiden bekanntesten Cannabinoide, THC und CBD, haben unterschiedliche therapeutische und medizinische Eigenschaften.

Sprich mit einer Ärztin oder einem Arzt, die sich mit Cannabis auskennen

CBD wird für viele therapeutische Zwecke untersucht. Viele nehmen es bei Stress und Angst, für Depressionen ist die Datenlage noch dünn. Studien deuten darauf hin, dass CBD nervenschützend wirken und Muskelkrämpfe lindern kann. Ein Arzneimittel mit reinem CBD ist für einige seltene Epilepsieformen im Kindesalter zugelassen, und in der Palliativmedizin wird CBD teils gegen Schmerzen und andere belastende Symptome eingesetzt. Ein großer Pluspunkt: Die bisherige Forschung zeigt bei CBD kaum oder kein Abhängigkeitspotenzial.

Therapien, die nicht abhängig machen, sind ein echter Wert. Opioid-Schmerzmittel und manche Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine können eine ernste Abhängigkeit auslösen. Deshalb lohnt es sich, mit deiner Ärztin oder deinem Arzt eine Behandlung aufzubauen, die dieses Risiko klein hält. Antidepressiva machen nicht auf dieselbe Weise abhängig, aber abruptes Absetzen kann Absetzsymptome auslösen.

THC wird häufig eingesetzt bei chronischen Schmerzen, Spastik, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und Übelkeit, unter anderem. Bei Glaukom wurde es untersucht, senkt den Augeninnendruck aber nur kurz. Niedrige Dosen entspannen manche Menschen, höhere können Angst verstärken. Anders als CBD kann THC bei manchen zu einer Abhängigkeit führen.

Wenn du überlegst, ein Medikament oder eine Behandlung durch medizinisches Cannabis zu ersetzen, ist das Wichtigste: Sprich vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, am besten mit jemandem, der sich mit Cannabismedizin auskennt. Cannabis hat bei manchen weniger Nebenwirkungen, ist aber nicht risikofrei, und eine Behandlung oder ein Medikament von heute auf morgen abzusetzen, kann sehr gefährlich sein. Cannabis, vor allem CBD, kann außerdem beeinflussen, wie die Leber manche Medikamente abbaut (über die CYP-Enzyme), etwa Blutverdünner wie Warfarin, Antiepileptika wie Clobazam, einige Antidepressiva, Opioide und Benzodiazepine. Auch wenn du Cannabis nur zusätzlich zu deiner Medikation nehmen willst, gehört das deshalb ins Arztgespräch. In Schwangerschaft und Stillzeit wird Cannabis nicht empfohlen. Am besten fährst du immer mit der sichersten Therapie, unter ärztlicher Begleitung.

Mehr aus unserem Magazin …