UN und Cannabis: Was die Vereinten Nationen zur Legalisierung sagen
GESUNDHEIT

UN und Cannabis: Was die Vereinten Nationen zur Legalisierung sagen

Im Dezember 2020 hat die UN-Suchtstoffkommission Cannabis aus der Liste IV des Einheitsübereinkommens von 1961 gestrichen – ein historischer Schritt mit klaren Grenzen.

VON CosechaLibre Redaktion5 MIN LESEZEIT

Die Vereinten Nationen haben Cannabis nicht legalisiert, aber am 2. Dezember 2020 die medizinische Bedeutung der Pflanze anerkannt: Die UN-Suchtstoffkommission strich Cannabis und Cannabisharz aus der Liste IV des Einheitsübereinkommens von 1961, die für die gefährlichsten Substanzen reserviert ist. Cannabis bleibt international kontrolliert, über die Legalisierung von Cannabis entscheiden die Staaten weiterhin selbst. Die UN betrachtet das Thema seit Jahrzehnten aus mehreren Blickwinkeln: öffentliche Gesundheit, Menschenrechte und Kampf gegen den internationalen Drogenhandel.

Ihre Haltung hat sich im Lauf der Zeit verändert, parallel zu den Einstellungen und der Politik ihrer Mitgliedstaaten. Von den ersten Drogenkonventionen im 20. Jahrhundert bis zu den jüngsten Debatten setzte die Organisation auf strenge Kontrolle und Regulierung, um Missbrauch und illegalen Handel mit Betäubungsmitteln, einschließlich Cannabis, zu verhindern.

Die WHO-Empfehlungen: Cannabis nach langem Warten neu bewertet

Im Januar 2019 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sechs zentrale Empfehlungen zu Cannabis und seiner Herabstufung in den Drogenkontrollverträgen der UN. Diese Vorschläge waren ein wichtiger Schritt hin zu einer Neubewertung der globalen Cannabispolitik.

Abstimmung vertagt: Viele Länder wollten mehr Zeit

Ursprünglich sollte die Suchtstoffkommission (Commission on Narcotic Drugs, CND) im März desselben Jahres darüber abstimmen. Laut Presseberichten baten aber viele Länder um mehr Zeit, um ihre Haltung zur Herabstufung von Cannabis zu prüfen und klarer festzulegen.

Die Verzögerung zeigte, wie komplex und umstritten das Thema international ist.

Was die WHO konkret empfohlen hat

Unter anderem empfahl die WHO, Cannabidiol (CBD) mit höchstens 0,2 % Tetrahydrocannabinol (THC, dem psychoaktiven Wirkstoff) nicht der internationalen Kontrolle zu unterstellen. Die Mitgliedstaaten lehnten diese Empfehlung trotzdem ab, und zwar aus verschiedenen Gründen.

Einige argumentierten, CBD stehe ohnehin nicht unter internationaler Kontrolle, also brauche es keine weiteren Schritte. CBD ist in den letzten Jahren zu einem festen Bestandteil im Wellness-Bereich geworden und hat eine Milliardenindustrie hervorgebracht.

Medizinisches und Freizeit-Cannabis auf dem Vormarsch

Zum Zeitpunkt der Abstimmung hatten mehr als 50 Länder Programme für medizinisches Cannabis. Kanada, Uruguay und 15 US-Bundesstaaten hatten außerdem den Freizeitkonsum legalisiert. Mexiko und Luxemburg prüften diesen Schritt ebenfalls, ein klares Zeichen für den weltweiten Trend zu Akzeptanz und Regulierung.

Wie die Länder abgestimmt haben

Nach der Abstimmung erklärten einige Länder ihr Votum. Ecuador unterstützte alle WHO-Empfehlungen und forderte für Produktion, Verkauf und Konsum von Cannabis „einen Regulierungsrahmen, der gute Praxis, Qualität, Innovation und die Entwicklung der Forschung sicherstellt“.

Die USA stimmten zwar dafür, Cannabis aus der Liste IV des Einheitsübereinkommens zu streichen, wollten es aber in Liste I belassen. Begründung: Das sei „im Einklang mit der Wissenschaft, die zeigt, dass zwar eine sichere und wirksame Behandlung auf Cannabisbasis entwickelt wurde, Cannabis selbst aber weiterhin erhebliche Risiken für die öffentliche Gesundheit birgt, die unter den internationalen Drogenkontrollabkommen kontrolliert bleiben müssen“.

Die Gegenstimmen

Gegen eine Lockerung stellten sich etwa Chile, das erklärte, es gebe „einen direkten Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und einem erhöhten Risiko für Depressionen, kognitive Defizite, Angst und psychotische Symptome“.

Auch Japan äußerte Bedenken: Der nicht medizinische Gebrauch der Pflanze „könnte zu negativen sozialen und gesundheitlichen Folgen führen, besonders bei jungen Menschen“.

UN-Beschluss 2020: eine historische Wende bei Cannabis

Nach 60 Jahren Ablehnung, drei Jahren wissenschaftlicher Prüfung durch die WHO und zwei Jahren diplomatischer Verhandlungen erkannte die UN am 2. Dezember 2020 den therapeutischen Nutzen von Cannabis und Cannabisharz an und strich beide aus der Liste IV des Einheitsübereinkommens von 1961, die für die schädlichsten Substanzen reserviert ist.

Was das für Lateinamerika bedeutet

Für die größten Produzenten auf dem amerikanischen Kontinent, etwa Mexiko und Paraguay, kann diese Wende eine riesige Chance sein, rechtliche, wissenschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen anzustoßen.

Der Beschluss öffnet die Tür für neue Möglichkeiten in der medizinischen Forschung und in der Cannabisindustrie und schafft bessere Bedingungen für Entwicklung und Vermarktung von Cannabisprodukten.

Ein Sieg der Wissenschaft

„Das sind phänomenale Nachrichten für Millionen Patient:innen weltweit und ein historischer Sieg der Wissenschaft über die Politik“, sagte Kenzi Riboulet-Zemouli, ein auf das Thema spezialisierter Forscher, am Tag der Abstimmung in einer Mitteilung auf der Website seiner Organisation (FAAAT think & do tank). Die Aussage zeigt, wie wichtig es ist, Drogenpolitik auf Evidenz zu stützen statt auf Vorurteile oder politische Agenden.

Die alte Cannabis-Doktrin der UN

Die bisherige UN-Doktrin zu Cannabis sei „ein Relikt der extremsten internationalen Drogengesetze, geerbt aus der Moral der 1950er-Jahre“, betonte der Experte.

Sie habe zu tun „mit Rassismus, Intoleranz und mangelndem Respekt gegenüber indigenen Völkern und Kulturen, die das Markenzeichen der Kolonialzeit waren“, ergänzte Zemouli. Umso bedeutender sei der Schritt, weil Cannabis „ohne jede wissenschaftliche Prüfung“ in die Liste IV aufgenommen worden war.

„Mit dieser Entscheidung beendet die UN eine 60 Jahre lange Leugnung dessen, was als eine der ältesten vom Menschen kultivierten Heilpflanzen dokumentiert ist“, sagte der französisch-algerische Forscher am Tag der Abstimmung in Barcelona. Das unterstreicht die historische Rolle von Cannabis als Heilpflanze und sein Potenzial für künftige therapeutische Anwendungen.

Der Kurswechsel der UN ist ein großer Schritt hin zur weltweiten Anerkennung der medizinischen Eigenschaften von Cannabis und ein Meilenstein in der Geschichte der internationalen Drogenpolitik.

Fazit: Anerkannt, aber nicht legalisiert

Dass die UN die therapeutischen Eigenschaften von Cannabis anerkennt und es aus der Liste IV des Einheitsübereinkommens von 1961 streicht, ist ein Meilenstein. Die Meinungen gehen aber weit auseinander, und das Thema ist komplex: Die Debatte über die Regulierung von Cannabis wird uns noch Jahre begleiten.