Hilft Cannabis bei Glaukom? Was hinter dem Mythos steckt
GESUNDHEIT

Hilft Cannabis bei Glaukom? Was hinter dem Mythos steckt

THC senkt den Augeninnendruck, aber nur für ein paar Stunden. Warum Cannabis trotzdem keine sinnvolle Glaukom-Therapie ist.

VON CosechaLibre Redaktion4 MIN LESEZEIT

Hilft Cannabis bei Glaukom? Kurz gesagt: nein, nicht als Behandlung. THC senkt den Augeninnendruck zwar für drei bis vier Stunden, für eine wirksame Therapie müsstest du aber rund um die Uhr hoch dosieren, und Fachgesellschaften raten deshalb davon ab. Das Glaukom, auch Grüner Star genannt, ist eine Augenerkrankung, die den Sehnerv schädigt, oft durch einen erhöhten Augeninnendruck, und unbehandelt zum Verlust des Sehvermögens führen kann.

Auf der Suche nach wirksamen Therapien haben viele Cannabis ins Spiel gebracht, weil es den Augeninnendruck senken kann. Die Idee, Glaukom mit Cannabis zu behandeln, sorgt in der Medizin wie bei Betroffenen für Interesse und für Streit.

Wirkt Cannabis gegen Glaukom also wirklich? Schauen wir genauer hin.

Cannabisblüte der Sorte White Gorilla

Was ist ein Glaukom (Grüner Star)?

Unter Glaukom fasst man eine Gruppe von Augenerkrankungen zusammen, die den Sehnerv schädigen. Der Sehnerv leitet die Bildinformationen vom Auge ans Gehirn weiter und ist entscheidend für gutes Sehen. Oft hängt der Schaden mit einem hohen Augeninnendruck zusammen, ein Glaukom kann aber auch bei normalem Druck entstehen.

Ein Glaukom kann in jedem Alter auftreten, am häufigsten trifft es aber ältere Menschen. Bei über 60-Jährigen gehört es zu den Hauptursachen für Erblindung. Viele Formen kommen ohne Warnzeichen, und die Veränderung verläuft so schleichend, dass du womöglich erst im fortgeschrittenen Stadium merkst, dass sich dein Sehen verändert hat.

Regelmäßige Augenuntersuchungen, etwa mit Messung des Augeninnendrucks, sind deshalb extrem wichtig. Wird ein Glaukom früh erkannt, lässt sich der Sehverlust bremsen oder verhindern. Wer bereits ein Glaukom hat, braucht lebenslang Behandlung oder Kontrolle.

Ist Cannabis gut gegen Glaukom?

Glaukom und andere Augenerkrankungen lassen sich mit Cannabis oder Cannabis-Wirkstoffen wie CBD nicht wirksam behandeln. Der Hauptgrund: Um ein Glaukom richtig zu behandeln, muss der Augeninnendruck 24 Stunden am Tag unter Kontrolle sein, und das ist mit Dauerkiffen schlicht nicht machbar.

Um den Augeninnendruck spürbar und dauerhaft zu senken, müsstest du jeden Tag sechs- bis achtmal 18 bis 20 mg THC zu dir nehmen.

So viel Cannabis zu konsumieren würde Stimmung und klares Denken massiv beeinträchtigen und, wenn du rauchst, auch die Lunge. Autofahren, Maschinen bedienen und viele Alltagsdinge wären nicht mehr drin. Ganz zu schweigen von den Kosten, alle drei bis vier Stunden zu konsumieren, die sich die meisten Patient:innen nicht leisten könnten.

Wirkt sich Cannabis auf die Augen aus?

Wie genau Cannabis den Augeninnendruck und das Glaukom beeinflusst, ist nicht ganz klar. Möglich ist, dass langfristiger Konsum bei manchen Patient:innen den Augen schadet oder das Sehen verschlechtert.

Klar ist: Ein hoher Augeninnendruck ist nicht die einzige Ursache für Schäden am Sehnerv. Auch eine schlechte Durchblutung kann ihn schädigen. Und genau das ist das Problem, denn Cannabis senkt nicht nur den Augeninnendruck, sondern auch den Blutdruck im ganzen Körper.

Es kann also sein, dass Cannabis die Durchblutung des Sehnervs verringert und den Vorteil des niedrigeren Augeninnendrucks damit wieder zunichtemacht.

Solange es keine weitere Forschung gibt, empfiehlt die American Academy of Ophthalmology Cannabis und Cannabisprodukte nicht zur Glaukom-Behandlung. Die American Glaucoma Society schließt sich dieser Empfehlung an.

Cannabis und Glaukom: eine lange Geschichte

Seit Cannabis in mehreren US-Bundesstaaten und in Kanada für medizinische und Freizeitzwecke legal ist, steht sein möglicher Nutzen bei verschiedenen Erkrankungen stärker im Rampenlicht.

In den 1970er- und 1980er-Jahren zeigten Studien, dass der Augeninnendruck nach dem Rauchen von Cannabis oder der Einnahme von THC als Tablette oder Injektion für drei bis vier Stunden messbar sinkt.

Aber Achtung: Auch Alkohol senkt den Augeninnendruck, etwa eine Stunde lang nach einem Drink, und trotzdem würde kein Arzt empfehlen, als Glaukom-Therapie jede Stunde etwas zu trinken. Es gibt viele andere wirksame Behandlungen ohne die Nebenwirkungen von Alkohol.

Welche Belege gibt es für Cannabis bei Glaukom?

Verschiedene Studien haben THC als Augentropfen, Tabletten und Joints untersucht. Die Augentropfen brannten und reizten die Augen und senkten den Augeninnendruck nicht. Auch ein THC-Präparat zur Anwendung unter der Zunge (sublingual) brachte keine Senkung des Augeninnendrucks.

In einer weiteren Studie bekamen Glaukom-Patient:innen THC-Tabletten und THC-Zigaretten. Innerhalb von neun Monaten wollten alle die Behandlung wegen der Nebenwirkungen abbrechen.

Cannabisblüten im Growraum

Kann CBD bei Glaukom helfen?

CBD, ein nicht psychoaktiver Wirkstoff aus Cannabis, bekommt viel Aufmerksamkeit. Aber wie bei gerauchtem oder gegessenem Cannabis gibt es keine belastbare Forschung, die zeigt, dass CBD Glaukom wirksam behandelt.

Im Gegenteil: Eine neuere Studie zeigte, dass CBD den Augeninnendruck sogar erhöhen und ein Glaukom damit verschlimmern könnte.

Forschende untersuchen, ob sich aus den Wirkstoffen von Cannabis eine Glaukom-Therapie entwickeln lässt. Wenn es gelingt, die Wirkung einzelner Verbindungen zu isolieren, lang wirksam zu machen und die Nebenwirkungen auszuschalten, könnten daraus künftig neue Behandlungen entstehen.

Bis dahin braucht es aber noch viel Forschung, und das dürfte Jahre dauern.