Cannabis bei Morbus Crohn und Colitis: Was Studien zu CED zeigen
GESUNDHEIT

Cannabis bei Morbus Crohn und Colitis: Was Studien zu CED zeigen

Von Mausversuchen bis zur ersten placebokontrollierten THC-Studie: Was die Forschung zu Cannabis bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen hergibt.

VON CosechaLibre Redaktion6 MIN LESEZEIT

Erste Studien deuten darauf hin, dass Cannabis bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa Symptome wie Bauchschmerzen, Krämpfe und Durchfall lindern kann; eine kleine Studie zu THC bei Morbus Crohn zeigte vielversprechende Ergebnisse. Als gesicherte Therapie gilt Cannabis bei CED aber nicht, dafür fehlen große Studien. Weltweit leben Millionen Menschen mit CED und ihren zermürbenden Symptomen, von Bauchschmerzen über chronischen Durchfall bis zu Gewichtsverlust.

Die Standardtherapie setzt oft auf Immunsuppressiva und entzündungshemmende Medikamente, die erhebliche Nebenwirkungen haben können. Vor diesem Hintergrund wird medizinisches Cannabis als vielversprechende Ergänzung diskutiert, um die Symptome von CED in den Griff zu bekommen.

Cannabispflanze in der Blüte nach 48 Tagen

CED: Symptome und Ursachen

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen betreffen vor allem den Verdauungstrakt, vom Magen über den Darm bis zum Dickdarm. Häufige Symptome sind chronischer Durchfall, Bauchschmerzen und Krämpfe, ungewollter Gewichtsverlust, Erschöpfung und Fieber. Nicht alle Betroffenen haben aber alle diese Beschwerden.

Typische Symptome von CED:

  1. Chronischer Durchfall: Eines der häufigsten Symptome, oft anhaltend und kräftezehrend.
  2. Bauchschmerzen und Krämpfe: Schmerzen im Bauchraum, die unterschiedlich stark sein können.
  3. Ungewollter Gewichtsverlust: Durch schlechte Nährstoffaufnahme und Appetitlosigkeit.
  4. Erschöpfung (Fatigue): Ein ständiges Müdigkeitsgefühl, das auch durch Ruhe nicht besser wird.
  5. Fieber: In manchen Fällen kann CED Fieber auslösen.

Ursachen von CED:

Die genaue Ursache von CED ist unbekannt, die meisten Ärzt:innen sind sich aber einig, dass die Genetik eine wichtige Rolle spielt. Ernährung und Lebensstil sind zwar entscheidend, um die Symptome zu kontrollieren, ob sie die Krankheit aber direkt auslösen, ist umstritten. Da CED entzündliche Erkrankungen sind, liegt nahe, dass auch eine Fehlfunktion des Immunsystems beteiligt sein könnte.

Wie könnte Cannabis bei CED wirken?

Laut Forschung könnte Cannabis, vor allem THC und CBD, entzündungshemmende Eigenschaften haben. Diese Wirkstoffe docken am Endocannabinoid-System an, dem körpereigenen Regulationssystem, das in Immunzellen stark vertreten ist und die Immunfunktion mitsteuert. Manche Forschende vermuten, dass CED mit einer Fehlfunktion des Endocannabinoid-Systems zusammenhängen könnten – was Cannabis zu einer möglichen Behandlungsoption macht.

Die Idee hinter Cannabis bei CED: Entzündungen dämpfen und die Immunantwort regulieren. Dieser Ansatz wird zunehmend untersucht, weil einige Studien und klinische Erfahrungen auf eine Wirkung hindeuten.

Körpereigene und pflanzliche Cannabinoide: Einfluss auf Darmentzündungen

Mehrere Studien deuten darauf hin, dass das Endocannabinoid-System eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Darmentzündungen spielt. Sowohl körpereigene (endogene) als auch von außen zugeführte (exogene) Cannabinoide können Entzündungen in Magen und Darm beeinflussen – ein möglicher Ansatzpunkt für den therapeutischen Einsatz exogener Cannabinoide.

Tierstudie von 2004: CB-Rezeptoren und Colitis bei Mäusen

In einer Studie von 2004 untersuchten Forschende die Rolle der CB-Rezeptoren bei Mäusen mit künstlich ausgelöster Colitis. Mäuse ohne funktionierenden CB1-Rezeptor hatten deutlich stärkere Entzündungen.

Wurden die Mäuse mit einem CB-Antagonisten (einem Blocker des Rezeptors) behandelt, zeigten sie ähnliche Symptome wie beim Rezeptormangel. Mäuse, die dagegen einen CB-Agonisten (der den Rezeptor aktiviert) bekamen, waren besser vor der ausgelösten Colitis geschützt. Das deutet darauf hin, dass eine stärkere Endocannabinoid-Signalgebung bei Colitis hilfreich sein könnte – zumindest bei Mäusen.

Tierstudie von 2014: FAAH-Hemmer und Colitis bei Nagetieren

In einer weiteren Nagetierstudie aus dem Jahr 2014 gaben Forschende Mäusen mit TNBS-induzierter Colitis den FAAH-Hemmer PF-3845. Der Hemmstoff schwächte die Colitis ab und wirkte entzündungshemmend, was mit veränderten Spiegeln bestimmter Biolipide zusammenhing.

Auch MAGL-Hemmer zeigten positive Ergebnisse. FAAH ist das Enzym, das Anandamid abbaut, MAGL baut 2-AG ab – beides körpereigene Cannabinoide des Endocannabinoid-Systems.

Kann CBD die körpereigenen Cannabinoide im Darm unterstützen?

Die Forschung deutet darauf hin, dass höhere Spiegel körpereigener Cannabinoide vor Colitis schützen oder ihr Fortschreiten bremsen könnten. Einige Studien legen nahe, dass CBD als FAAH-Hemmer wirkt – ein Beispiel dafür, wie pflanzliche Cannabinoide das Endocannabinoid-System im gewünschten Sinne beeinflussen könnten.

Zwischenfazit: Was die Grundlagenforschung zeigt

Die wissenschaftliche Literatur weist auf einen Zusammenhang zwischen Endocannabinoid-System und Entzündungen im Magen-Darm-Trakt hin. Die genannten Studien legen nahe, dass sich über körpereigene und pflanzliche Cannabinoide neue Wege zur Behandlung von CED eröffnen könnten. Sie zeigen ein therapeutisches Potenzial, sind aber größtenteils Tierversuche.

Klinische Studien zu Cannabis bei Morbus Crohn und Colitis

Cannabis wird seit Jahrhunderten medizinisch genutzt. Eine der ersten Anwendungen in Europa war gegen Bauchschmerzen bei Cholera, dank des Arztes William Brooke O’Shaughnessy, der Cannabis aus Indien mitbrachte.

Nach fast 100 Jahren Verbot holt die moderne Wissenschaft langsam auf, und es gibt immer mehr Hinweise, dass Cannabis bei bestimmten Symptomen von CED helfen könnte.

Wie viele CED-Patient:innen nutzen Cannabis?

In einer Befragung von 292 CED-Patient:innen gab gut die Hälfte (knapp 52 %) an, schon einmal Cannabis genommen zu haben, um ihre Symptome in den Griff zu bekommen. 16,4 % nutzten es gezielt gegen Beschwerden, vor allem gegen Bauchschmerzen. Das zeigt, dass sich ein beachtlicher Teil der Betroffenen mit Cannabis selbst behandelt.

In einer weiteren Kohortenstudie wurden 313 CED-Patient:innen befragt. 17,6 % von ihnen nutzten Cannabis, um krankheitsbedingte Beschwerden zu lindern.

Die Cannabis-Nutzer:innen berichteten über deutliche Besserungen bei Bauchschmerzen (83,9 %), Bauchkrämpfen (76,8 %), Gelenkschmerzen (48,2 %) und Durchfall (28,6 %). Allerdings zeigte sich bei denen, die Cannabis sechs Monate oder länger nutzten, auch ein höheres Risiko, operiert werden zu müssen.

Cannabisblüten in der Blütephase

Beobachtungsstudien und klinische Studien

Eine in der Fachzeitschrift der Israelischen Ärztevereinigung veröffentlichte Beobachtungsstudie untersuchte 30 Patient:innen mit Morbus Crohn, einer Form von CED. Bei 21 von ihnen besserten sich die Beschwerden nach der Behandlung mit Cannabis deutlich, und sie brauchten wesentlich weniger andere Medikamente. Anders als in der Kohortenstudie stellten die Forschenden bei den Cannabis-Nutzer:innen weniger Operationen fest.

2013 erschien in der Fachzeitschrift Clinical Gastroenterology and Hepatology die erste randomisierte, placebokontrollierte Studie zur Wirkung von THC bei Morbus Crohn.

Teilgenommen haben 21 Patient:innen, bei denen Standardtherapien wie Steroide, Immunmodulatoren oder Anti-TNF-α-Medikamente nicht angeschlagen hatten. Die Cannabis-Gruppe rauchte zweimal täglich einen Joint mit je 115 mg THC, die Placebo-Gruppe bekam Cannabisblüten ohne THC.

Vielversprechende, aber vorläufige Ergebnisse

Eine vollständige Remission erreichten 5 von 11 Teilnehmenden in der Cannabis-Gruppe, in der Placebo-Gruppe nur 1 von 10. Außerdem konnten drei Patient:innen aus der Cannabis-Gruppe ihre Steroide reduzieren. Die Ergebnisse deuten auf ein Potenzial von THC bei Morbus Crohn hin, die Forschenden betonen aber, dass größere Studien nötig sind, um sie zu bestätigen.

Fazit: Hilft Cannabis bei CED?

Immer mehr Hinweise sprechen dafür, dass Cannabis bestimmte Symptome von CED lindern kann. Die ersten Studien sind vielversprechend, es braucht aber mehr Forschung, um das therapeutische Potenzial wirklich zu verstehen und sichere, wirksame Behandlungsempfehlungen zu entwickeln. Wenn du betroffen bist: Sprich mit deiner Gastroenterologin oder deinem Gastroenterologen, bevor du an deiner Therapie etwas änderst.